• Brigitte Evans

Über die Seele und ihr erstaunliches Wirken



Mutter sein

Mein Sohn hat heute Geburtstag. 26 Jahre. Wieder ein Tag, um die Vergangenheit ein wenig aufleben zu lassen und sich an die Zeit der Schwangerschaft, der Geburt und der ersten Jahre zu erinnern. Fotos brauche ich gar keine anzuschauen, um mir die Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Es ist alles noch da!

Und es ist wieder ein Tag, um sich über die eigene Rolle als Mutter Gedanken zu machen, und sich der Emotionen bewusst zu werden, die diese Rolle mit sich bringt. Das Muttersein ist ein so wunderbarer, beinahe magischer Aspekt des Lebens! Mutter, das ist ein Wort, das bei jedem Menschen Emotionen hervorruft. Es ist ein Archetyp, ein Aspekt, über dem schon so viel geschrieben und gesagt wurde.

Ich möchte all den Aussagen etwas hinzufügen aus der Perspektive der Seele.

Wenn ich an mein eigenes Muttersein denke, so kippt mein Bewusstsein vom Denken ins Fühlen. Ich empfinde übergroße Liebe für meine Kinder. Ich will, dass es ihnen immer gut geht und dass ihr Leben ein großes Fest ist. Dasselbe wünsche ich mir für alle Menschen, nein für alle Wesen, und dasselbe wünsche ich mir für mich. Doch die größte Empfindung ist da, wenn ich an meine Söhne denke.

Das Kindchenschema hat sich eingeprägt, sitzt fest in jede Faser meines Herzens. Wenn ich die Babyfotos anderer Kinder ansehe und sie mit denen meiner Kinder vergleiche, fällt mir sofort auf, dass ich nicht alle gleichermaßen liebe. Meine Kinder liebe ich noch ein Stückchen mehr. Mein Herz gerät in Entzücken, wenn ich ihr Gesicht sehe. Mein Verstand steht still. Es ist wie Meditation, die Bilder der eigenen Kinder zu sehen.

Es ist immer eine Art Meditation, wenn Mütter oder Großmütter in die Gesichter der eigenen Kinder oder Enkel schauen. Ich weiß nicht, wie es Vätern oder Großvätern geht. Fühlen sie das gleiche weltumfassende Entzücken, die gleiche überirdische Liebe? Wahrscheinlich ja, wenn sie es zulassen, denn aus sie tragen diesen Archetyp Mutter in sich.

Dieses Gefühl prägt sich ein und bleibt ein Leben lang bestehen. Egal, wie sich die Kinder entwickeln, wie groß oder wie alt sie werden. Diese Prägung hat stattgefunden, hat uns, hat mich zur Mutter gestempelt. Und aus der Rolle komme ich nicht mehr raus.

Noch will ich aus dieser Rolle nicht hinaus schlüpfen. Aber ich erkenne, dass es eine Rolle ist, eine, die mir mehr zu meiner eigenen Entwicklung verhilft, als ich es vor 26 Jahren ahnte, als mein erster Sohn geboren wurde. Denn von keinem anderen Menschen lassen wir uns derart triggern. Kein anderer Mensch darf uns so viele Spiegel vor die Nase stellen, damit wir uns selbst kennen- und lieben lernen!

Die Verbundenheit durch übergroße, durch Vernunft nicht fassbare, Liebe mit einem Kind erlaubt es dem Kind, unser größter Lehrer zu sein. Von PartnerInnen, Geschwistern, FreundInnen und KollegInnen können wir uns trennen. Wir erlauben denen längst nicht so viel wie unseren Kindern. Doch die Trennung von unseren Kindern kann uns umbringen.

Das Mutterwerden ermöglichte mir größtes Wachstum, größte Erkenntnis über mich und meine Schattenanteile.



Die Mutter in mir

Ich bin Mutter für meine Kinder, aber in mir lebt auch meine Mutter weiter. Sie hatte ebenfalls diese Prägung. Sie liebte mich auch in einer Art und Weise, die man nur als unvernünftig bezeichnen kann. Und ich lernte, dass ich unterscheiden muss zwischen der fast bedingungslosen Liebe der Mutterprägung und der realen Mutter mit ihren unterschiedlichen Wesensanteilen.



Muttersein als spiritueller Faktor

Dieser Archetyp Mutter hat vielfältige Aufgaben. Er sorgt dafür, dass wir als Art überleben, aber er hat auch eine spirituelle Aufgabe. Er ist ein Teil unserer Seele. Wenn wir das Mütterliche in uns entdecken, geschieht dies oft durch die Geburt eines Kindes. Das Mütterliche stülpt sich sozusagen über dieses Kind. Wir projizieren einen Aspekt unserer Seele auf ein Wesen außerhalb von uns.

Damit wir recht lange mit diesem Spiegel verbunden bleiben, hat die Seele/die Natur/die Quelle dafür gesorgt, dass der ganze Körper auf dieses Wunder eingestimmt wird. Durch die Schwangerschaft werden wir mit Hormonen überschüttet, die eine Geburt ermöglicht, die so schmerzhaft ist, dass wir es ohne diesen Hormoncocktail wohl nicht aushalten würden. Ebenso wird durch die emotionale Prägung ermöglicht, dass wir uns Tag und Nacht um dieses Wesen kümmern, ohne auf uns selbst zu achten. Ein Hauch der unendlichen, bedingungslosen Liebe hat uns gestreift.

Und irgendwann müssen wir lernen uns abzunabeln. Natürlich gelingt das nicht ganz. Unsere Kinder sind immer als unsere Kinder in uns eingraviert - wie gesagt, die ersten Stunden vergesse ich niemals, bei allen beiden nicht.



Anima - die Seele

Aber was passieren kann, ist, dass wir entdecken, dass das Mütterliche eigentlich uns selber gilt. Die große Mutter, die für alle Wesen sorgt, das Mütterliche an sich, sorgt sich auch um uns.

Da ist eine Seele in uns, die will, dass es uns gut geht, die uns so abgöttisch und unvernünftig liebt, wie ich die kleinen Zehen und das Lachen meines Babys! Die Seele in mir liebt jedes Glucksen, das ich von mir gebe, jeden Schritt, den ich mache und ist jederzeit bereit, mich vor dem Fallen zu schützen. Diese Seele sitzt Tag und Nacht an meinem Bett, wenn ich krank bin und wünscht sich für mich ein Paradies auf Erden.

Diese Seele sieht mir zu, wenn ich ihr davonlaufe. Sie läuft mir nach. Sie sieht mir zu, wenn ich mich ungesund ernähre, mich unvernünftig verhalte und wenn ich ich Dinge tu, die mich unglücklich machen und macht mich sanft aber wirksam darauf aufmerksam.


Diese Seele ist das Mütterliche an sich. Und als Mutter habe ich die Möglichkeit, ihr Wirken selbst zu erleben, zu übernehmen und einem anderen Menschen diese Liebe und Fürsorge angedeihen zu lassen. Das könnte ich nicht, wenn da nicht etwas in mir wäre, dass mir die Fähigkeit dazu gibt.


So ist also das Muttersein in erster Linie eine Möglichkeit der Seele, mich auf sie und ihr Wirken aufmerksam zu machen. Je früher wir das Wirken des Archetyps Mutter in uns erkennen und verstehen, dass diese Mutter unser Bestes will, desto besser.

Das Schöne ist, dass der mütterliche Anteil in uns mehr kann als unser irdischen Mütter, die ja selbst nicht gerade mütterlich mit sich selbst umgegangen sind. Der mütterliche Anteil in uns ist stark und mächtig, weil er an ein höheres Bewusstseinsfeld angeschlossen ist.

Der Archetyp Mutter ist "rein". Das heißt, dass er nicht durch andere Einflüsse getrübt ist. Er ist sozusagen der verlängerte Arm unserer Seele und des Höchsten Bewusstseins.



Das Entzücken, das wir für unsere Kinder empfinden, sollten wir für uns selbst empfinden, die Seele würde es erfreuen.

Die Fürsorge, die wir unseren Kindern angedeihen lassen, sollten wir uns selber angedeihen lassen. Das wäre der Plan der Seele.

Wenn wir das tun, werden wir eine neue Welt erfahren.



Yin und Yang

Was ist mit dem Vater? Ist auch der Vater ein Archetyp? Wenn wir davon ausgehen, dass die Seele und ihre Manifestation "Mutter" die yin-Energie ist, müsste der Vater eine Manifestation des Geistes und die yang-Energie sein. Ich denke, so ist es auch. Yang ist die befruchtende Energie, der Himmel, der Vater. Yin ist die empfangende Energie, die Erde, die Mutter. Beide sind jedoch keine Gegensätze, sondern sie können nur gemeinsam wirken.

Das Zeichen yin/yang symbolisiert das sehr gut. Beide Pole bedingen einander. Die Seele kann ohne den Geist nicht existieren. Sie sind beide Faktoren der allumfassenden Liebe, des Göttlichen, der sich als gebender und nehmender, als verbindender und verströmender Geist in allen Formen manifestiert.

Im persönlichen Erleben ermöglicht der Geist, der durch den Verstand repräsentiert wird, dass wir uns entwickeln. Er symbolisiert unseren freien Willen, der sich aus der Umarmung der verschlingenden Mutter löst und so für Entwicklung sorgt.

Dies ist auch der Grund für die Zerwürfnisse zwischen Männern und Frauen bzw. das innere Dilemma zwischen den männlichen und weiblichen Anteilen. Die yang-Energie drängt nach Veränderung und Entwicklung, die yin-Energie drängt nach Verbindung und Verhaftetsein. Dieser Konflikt drückt sich in jeder Situation unseres Lebens aus.


Eigentlich geht es in jedem Konflikt in unserem Leben, egal auf welcher Ebene er sich zeigt - als Krankheit, Unfall oder Schicksalsschlag - um die Versöhnung dieser beiden Anteile in uns.



Das Erkennen unserer wahren Kraft

Mutter und Vater in uns sind eins. Sie werden als getrennt wahrgenommen, um ihren Kindern die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu erfahren und zu entwickeln und eines Tages wieder nach Hause zu kommen. Dort warten sie dann als Einheit, die uns aufnimmt.

Wir können in diese Einheit aber schon jetzt jederzeit eintauchen und erkennen, dass diese Basis unseres Seins uns wahre Macht gibt. Wenn wir in uns selbst die Einheit hinter der Dualität erkennen, was durch Meditation oder "tiefes Schauen" ermöglicht wird, schöpfen wir Kraft, Liebe und wahre Selbstermächtigung. Wir erkennen, dass wir selbst unser Leben kreieren, jeden Augenblick.

Deshalb möchte ich meine Kinder auch nicht auf eine Zukunft im Außen vorbereiten, denn ich weiß, dass sie ihre Zukunft selbst gestalten. Es gibt in Wahrheit kein Außen, das sich unabhängig von uns ausbreitet. Die Außenwelt ist immer eine Bühne für unsere inneren Anteile. Was wir unsere Kinder lehren sollten, ist genau das: Wir nehmen unsere Kinder genausowenig objektiv wahr wie die übrige Welt!

Wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten, gute Eltern für unsere Kinder zu sein, müssen wir uns selbst erforschen, und hinterfragen, wie wir die Welt wahrnehmen. Das Lernen der Kinder geschieht hauptsächlich unbewusst. Sie nehmen unsere unbewussten Gedanken, Gefühle und Ansichten wahr und vergleichen sie mit ihren eigenen gespeicherten Informationen, die sie in diese Inkarnation mitbringen. Daraus gestalten sie neue Bilder, die ihr Verhalten für dieses Leben maßgeblich prägen. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich als Mutter oder Vater von Anfang klar zu präsentieren, mit den eigenen Stärken und Schwächen. Wir können zwar eine Maske aufsetzen und so tun als ob ...

Aber das Unterbewusste des Kindes sieht auch, was wir verbergen - und durch die große Nähe zwischen Eltern und Kindern, zeigt es uns unsere verborgenen Anteile - oft in einer Art und Weise, die uns sehr unangenehm ist.



Wir können dem Kind also gar keinen Unterricht geben, wie es sich in der Welt da draußen verhalten soll - wir können ihm eigentlich nur zeigen, wie wir die Welt sehen und wie es sich in unserer Welt zu verhalten hat!



Lernen wir zu verstehen, dass wir keine objektive Sicht haben und dass es nur darum geht, uns gemäß unserer Seele zu entwickeln. Erziehung im eigentlichen Sinn gibt es daher nicht.

Wir können unsere Kinder nur begleiten, im Bewusstsein, dass wir sie durch unsere Welt begleiten und sie lehren, sich in unserer Wahrnehmung der Welt zu entwickeln.

Lernen wir, innerlich einen Schritt zurückzugehen und zu verstehen, dass die Kinder auch nicht anders können, als sich an unserer Welt zu orientieren, an unseren Ängsten, Sorgen und an unseren Schwächen und Stärken. Was anderes gibt es nicht. Und lernen wir zu verstehen, dass sich unsere Kinder ihre eigene Welt aufbauen, aus ihren inneren Bildern.



Mein Kind, du gestaltest dein Leben jeden Augenblick, bewusst oder unbewusst!

Und bitte, gestalte es so, dass sich alle Wesen darin wohlfühlen. So wie es deine innere Mutter und dein innerer Vater wollen.



Und genau das sage ich auch zu mir: Es gibt keine Welt, die unabhängig von mir ist. Ich gestalte meine Welt und reagiere auf das, was ich gestaltet habe.

Und ich bitte mich inständig, dass ich mein Bestes gebe, diese Welt in ein Paradies zu verwandeln.

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© 2017   Fotos und Gestaltung:  B. und D. Evans