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ORA

DAS MÄDCHEN MIT DEM ORANGEFARBENEN HAAR
Eine Geschichte für Kinder ab 8 Jahre, erzählt von Brigitte G. Evans nach einem Bilderzyklus von Fransiska Nørgaard
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Es war einmal ein Land, dem ganz und gar die bunten Farben fehlten. Erde und Himmel, Seen und Flüsse, Pflanzen, Tiere und auch die Menschen waren grau und farblos.

Deshalb nannten es seine Bewohner Grauland.

 

Nur die kleinen Kinder besaßen noch ihre Farben. Bis zu ihrem neunten Geburtstag waren sie genauso übermütig und gutgelaunt wie alle Kinder dieser Welt. Sie lachten viel, liefen um die Wette, kletterten auf Bäume oder tanzten durch den Regen. 

Doch ab ihrem neunten Geburtstag änderte sich alles für sie. Ihre Haare begannen sich weiß zu färben und ihre Haut, ihre Lippen und Augen wurden grau wie Asche. Die Erwachsenen nannten es das „Verblassen“. 

Mit zehn Jahren sah jedes Kind genauso farblos aus wie seine älteren Geschwister und Eltern. 

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Gemeinsam mit den Farben verschwand auch das Lachen aus den Gesichtern der Kinder. Sie machten sich Sorgen um ihre Zukunft, hatten Angst sich zu verletzen und verspürten nicht mehr die geringste Lust zu spielen. Ab dem zehnten Lebensjahr konnte sich kein Kind mehr daran erinnern, wie viel Spaß es gemacht hatte, um die Wette zu laufen und auf Bäume zu klettern.

 

Die Erwachsenen warteten sehnsüchtig auf das Verblassen der Kinder. Sie konnten sich gar nicht erklären, warum ihre Kinder so farbenprächtig geboren wurden.

Das Buntsein erschien ihnen als eine seltsame Krankheit. Deshalb forschten die Wissenschaftler eifrig nach einer Medizin, die alle Farben endgültig aus Grauland vertreiben sollte. 

 

Zwar berichteten die ältesten Bewohner von einem sehr alten Buch, in dem Grauland als farbenprächtiges Reich mit fröhlichen Menschen beschrieben ist — doch da dieses Buch nie gefunden wurde, hielten die meisten Bewohner Graulands diese Erzählungen für reine Fantasie.

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In Grauland gab es nur ein Kind, das nicht verblasste. 

Ora, das Mädchen mit den orangefarbenen Haaren.

Seit dem Tag, an dem Ora neun Jahre alt geworden war, hatte sie sich jeden Morgen im Spiegel betrachtet und ihren Körper nach Anzeichen des Verblassens durchsucht. Doch nie hatte sie auch nur ein einziges graues Haar gefunden!

Besorgt hatte ihre Mutter sie zum Arzt geschickt. Nach einer gründlichen Untersuchung hatte der nur verwundert den Kopf geschüttelt. „Du bist völlig gesund, abgesehen davon, dass du nicht verblasst“, hatte er gesagt. „Warten wir ab, was an deinem zehnten Geburtstag passiert. Bis dahin verstecke dein Haar besser unter einem Tuch! Es muss ja nicht gleich jeder sehen, dass du anders bist.“  

Und so hatten Oras Eltern, ihre Freunde und der Arzt gespannt auf ihren zehnten Geburtstag gewartet. Doch das Verblassen wollte sich nicht einstellen. Nicht ein graues Fleckchen an ihrem ganzen Körper!

 

Von da an galt sie als seltsam und krank. Kein Kind wollte mehr in der Schule neben ihr sitzen. Und sogar Arno Azul und Nina Rosina durfte sie nicht mehr besuchen. Denn ihre Eltern hatten Angst, dass sie sich an der gefährlichen Buntseinkrankheit anstecken könnten. 

 

Da Ora auch die Lust zum Spielen und Lachen geblieben war, verbrachte sie viel Zeit mit den jüngeren Kindern, die noch alle ihre Farben hatten und sie als ihresgleichen ansahen. Mit ihnen konnte sie nach Herzenslust toben und wie früher auf Bäume klettern, über Bäche hüpfen und um die Wette laufen.

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Doch an manchen Tagen war Ora traurig. Dann legte sie sich unter ihren Lieblingsbaum, sah in die grauen Zweige und Blätter hinauf und dachte nach.

„Warum bin ich die Einzige, die nicht verblasst?“, fragte sie sich dann. „Alle meine Freunde haben bereits ihre Farben verloren. Arno Azuls blaue Locken sind schon seit einem Jahr weiß. Und Nina Rosina hatte an ihrem zehnten Geburtstag das letzte rosa Haar in ihrem langen Zopf. Warum bin ich anders?“

Wie viele Male hatte sie sich diese Fragen gestellt und keine Antwort darauf gefunden.

Dies ist erst der Anfang. Wie es weitergeht, erfährst du im Buch.

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Ich möchte dir jetzt gern erzählen, wie die Geschichte entstanden ist:

Fransiska Nørgaard war die Kunstlehrerin meines jüngeren Sohnes in der Schul- und Lernwerkstatt Ebreichsdorf. Wir plauderten öfters miteinander und verstanden uns gut. So besuchte ich sie eines Tages in Wien in ihrer Wohnung und sah mir ihre Bilder an. Denn Fransiska ist nicht nur Lehrerin, sondern auch Malerin, die schon viele Bilder gemalt und zahlreiche Ausstellungen gemacht hat. 

In ihrer Wohnung hingen die Bilder von Ora und der Prinzessin, von der Lokomotive und den Schiffen am Meer.

Ich war so begeistert von den Bildern, dass ich unbedingt die Geschichte von Ora schreiben wollte und mit den Bildern als Buch veröffentlichen. Und das machten wir dann auch. 

Fransiska erzählte mir, dass sie einen langen, märchenhaften Traum gemalt hatte, die Geschichte von einem Mädchen, das anders war als die anderen Kinder. Ein Mädchen, das mutig und neugierig war, so ähnlich wie Pippi Langstrumpf, die Fransiska schon als Kind liebte. 

Ora ist natürlich anders als Pippi. Sie ist nicht so stark, aber sie hat auch so schönes orange-rotes Haar und ist genauso mutig und abenteuerlustig wie die Figur aus Astrid Lindgrens Kinderromanen. 

Und was macht Ora so besonders? Ora beobachtet, was um sie herum geschieht. Sie gibt sich nicht damit zufrieden, dass alles ist, wie es ist, wenn es nicht glücklich macht. Vor allem, wenn es schon einmal anders gewesen ist. Denn es heißt, Grauland sei einmal bunt und alle Menschen, auch die Erwachsenen, seien glücklich gewesen! Wäre es nicht schön, wenn es wieder so sein könnte??