• Brigitte Evans

Die Liebe zu den Geschichten




Was macht eine gute Geschichte aus?


Jede Geschichte hat einen Anfang, in dem wir die Personen kennenlernen: die Hauptfigur und ihre Freunde, das Problem, das sie hat und die Menschen, die dieses Problem verursachen. Indem die Hauptfigur gefährliche oder leidvolle Erfahrungen macht, lernt sie sich selbst besser kennen und erhält die notwendigen Fähigkeiten, um das Problem zu lösen und die Gegner zu besiegen. Je mehr Spannung die Geschichte aufweist, umso lieber wird sie gelesen. Spannung entsteht dadurch, dass sich der Leser mit der Hauptfigur identifiziert. Er "fühlt" und "leidet" mit ihr mit und freut sich mit ihr, wenn sie Erfolg hat. Je größer die Gefahr ist, umso größer die innere Anspannung. Wird er/sie es schaffen? Und je größer die Gefahr, die Krankheit oder das Leid ist, desto größer ist die Erleichterung und Freude der LeserInnen, wenn der Held/die Heldin es endlich schafft, alle Hindernisse zu überwinden.

Und kaum liest man den letzten Satz und schlägt den Buchdeckel zu, freut man sich schon auf das nächste spannende, emotional aufwühlende Buch. Oder den nächsten spannenden Film.



Wo liegt der Fehler?


Geschichten sind Abbilder des Lebens. Aber sie sind auch Vorbilder für unser Leben. Die Geschichten und ihre Handlungsabläufe sind entstanden, weil Autoren den Ablauf des menschlichen Lebens analysiert und ihre Drehbücher dem Erleben der Menschen nachempfunden haben. Aber mit jeder Geschichte, die uns die Reise eines Helden nahebringt, verankern wir in uns mehr den Glauben, dass das Leben so sein müsste. Spannungsgeladen, voller Konflikte, Gefahren und Missverständnisse, voller emotionaler Tiefen und Höhen, die in einem glücklichen Ende aufgelöst werden.

Der Wunsch nach Spannung scheint sich in unseren Zeiten zu verstärken. In meiner Ausbildung zur Autorin werde ich angeleitet, in jeder Szene einen Konflikt einzubauen - denn die LeserInnen erwarten Konflikte. Seitenlange Beschreibungen von Landschaften oder innerer Zustände sind tabu. Action auf jeder Seite - dazwischen kleine Verschnaufpausen für den Helden, eventuell mit Romantik versehen, dann geht es wieder weiter mit Spannung, Schlag auf Schlag.


Ein spirituelles Leben, das auf bedingungsloser Liebe basiert, ist für uns schwer vorstellbar, weil wir dabei auf ein actiongeladenes Leben verzichten müssen. Wir wünschen uns zwar Zeiten der Ruhe und des Rückzugs, doch so ganz ohne Spannung und großen Emotionen wollen wir nicht leben. Wir sind süchtig nach Spannung.

Doch wenn wir das Wort "Spannung" genauer betrachten, ist es etwas, das uns krank macht. Ein spannender Moment bringt uns in innere Aufruhr. Unser System sucht einen Ausweg. Es schaltet in einen Flucht- oder Angriffsmodus um. Es hat Angst um sein Leben. Und wir wissen ja, dass unser Gehirn keinen Unterschied macht zwischen einer Vorstellung und einem tatsächlichen Ereignis. Wir kennen das Beispiel mit der Zitrone. Kaum denkt man daran, in eine Zitrone zu beißen, schon läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Das setzt natürlich voraus, dass man eine ähnliche Erfahrung mit einer Zitrone gemacht hat.


Wenn wir einen Thriller lesen, oder einen Horrorfilm ansehen, spannende Computerspiele spielen, verstärkt das unseren inneren Stresslevel. Wir denken, es würde uns entspannen - so ein Krimi, ein spannendes Fußballmatch, ein Box-Kampf, die Nachrichten oder ein aufregendes Quiz - was auch immer wir am Abend ansehen, soll zu unserer Entspannung beitragen.

Dass hier etwas nicht stimmt, liegt auf der Hand. Spannung kann Spannung nicht heilen. Um uns wirklich zu entspannen, brauchen wir andere Maßnahmen. Viele Menschen trinken ein Gläschen Wein, rauchen einen Joint, nehmen Medikamente oder haben Sex, um sich zu entspannen. Andere hören Musik (von Punk, Heavy Metal bis zur Klassik findet jeder Mensch eine andere Musik, die er/sie als entspannend bezeichnet). Andere machen Yoga und meditieren - vielleicht machen sie auch alles gleichzeitig oder hintereinander.

Aus astrologischer Sicht ist es interessant, dass wir automatisch zu den Mitteln greifen, die dem Planetenprinzip Neptun zugeordnet sind, um uns zu entspannen und abzuschalten.

Alkohol, Drogen, Medikamente, Yoga, Musik, Meditation und Filme gehören ins Wirkungsfeld des Planeten Neptun, dessen höchste Ausdrucksform die bedingungslose Liebe ist.



Was will uns das zeigen?


Etwas in uns kennt das Prinzip, das die Anspannung aus unserem Leben nehmen würde. Aber etwas in uns wehrt sich dagegen und nimmt stattdessen lieber die scheinbar ungefährlichen Formen des Neptun in Anspruch.

Anstatt zu lieben, nehmen wir Drogen, trinken Alkohol, sehen wir uns Action-Filme an und meditieren. Gut, da gibt es natürlich Unterschiede. Meditation ist wahrscheinlich besser als ein Vollrausch und ein Drogentrip. Doch auch das kann man nicht pauschalisieren. Viele Menschen erleben sich im Rausch liebevoll und wollen die ganze Welt umarmen. Und andere Menschen werden durch ihre spirituellen Praktiken zu Menschen, die auf andere herabschauen oder sich zurückziehen, um mit der Welt nichts mehr zu tun haben zu müssen.


So viel wir auch machen, wir lösen uns ungern aus den Dramen des Lebens. Nach jedem Rausch kommt ein böses Erwachen, nach jeder Meditation erwartet uns das "normale" Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Und wir wollen es ja gar nicht anders, wenn wir ehrlich zu uns sind.

Interessanterweise werden uns auch spirituelle Inhalte sehr theatralisch präsentiert (wie z.B. "The Secret" oder "What the Bleep do we know?"). Wir werden da abgeholt, wo wir sind. Mitten in einem Drama, das Drama verehrend und vergötternd.