• Brigitte Evans

Gewalt ist keine Option!


Von der Relativität der Gewalt


Ich wage zu behaupten, dass alle, die sich gegen öffentliches Unrecht stellen und sich mehr oder weniger radikal zur Wehr setzen - auch einen persönlichen Gegner und eine ungelöste Beziehung zu ihren Eltern haben - besser ausgedrückt, mit ihrem inneren Kind.

Genauso wie alle, die sich anmaßen, Gewalt über andere auszuüben, sich auf Kosten anderer bereichern und eine soziale Position nutzen, um ihr Ego zu befriedigen, andere unterdrücken und manipulieren, ebenfalls eine ungelöste Beziehung zu ihren Eltern haben und nicht wissen, welche Bedürfnisse ihr inneren Kind hat und tagtäglich die eigenen Mängel auf andere projizieren.

Auch jene Täter, von denen wir täglich in den Medien lesen und hören - haben ein Problem mit ihrem inneren Kind - das kann für den objektiven Betrachter klein sein, aber für die Person doch eine große, oft unbewusste Belastung. Die Größe der Belastung, die ein Mensch in sich trägt, sieht man am Ausmaß der Gewalt, die er/sie ausübt.

Wir dürfen aber auch nicht glauben, dass Menschen, die schüchtern, leise oder schwach sind und gute Opfer abgeben, prinzipiell bessere Menschen sind. Sie können genauso gewaltbereit sein wie die anderen, nur eben leiser, subtiler, passiver. Auch sie haben keinen Zugang zu ihren wahren Bedürfnissen und ihrem wahren Selbst.



How many roads must a man walk down ...?


Wie stark muss jemand schreien, bevor wir ihn hören?

Was muss ein Mensch machen, damit er gesehen und beachtet wird?

Wie viel muss ein Mensch leiden, bevor ihm geholfen wird?


Opfer und Täter machen auf sich aufmerksam, oftmals sehr deutlich und grausam.


Doch in einer Gesellschaft in der Sensibilität in den Bereich der Esoterik verbannt wird, werden Menschen nur gehört, wenn sie laut sind, und wenn die Gegensätze offensichtlich sind.

Da ein kleines Kind - dort ein großer, böser Erwachsener.

Da eine eingeschüchterte Frau - dort ein gewaltbereiter Ehemann.

Da ein schwaches Opfer - dort ein böser Täter.


Doch wenn das Opfer nicht ganz so schwach ist und der Täter nicht ganz so brutal, schauen wir nicht hin. Das bezeichnen wir als normal. Weil uns diese Form der bagatellisierten Gewalt umgibt, wie das Meer eine Insel.



Gibt es gerechte Gewalt?


Wir leben in einer Gesellschaft der Täter, Opfer und Retter. Es sieht so aus, als würden wir davon überzeugt sein, Menschsein bedeutet, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Entweder du bist ein Opfer oder du setzt dich durch. Wir glauben, dass Gewalt zu unserem Leben dazugehört, und das geben wir an unsere Kinder weiter.

Kaum jemand sagt: "Gewalt ist keine Option!"


Wir reden von gerechtfertigter und ungerechtfertigter Gewalt und erkennen nicht, dass der Unterschied nur in der eigenen Betrachtungsweise liegt.

Wir senden Doppelbotschaften an unsere Kinder und an unsere Mitmenschen. Wenn die einen schießen, ist das böse; wenn die anderen schießen, ist das gut. Tiere zu töten, weil man sie essen will, ist in Ordnung. Wenn aber jemand meinen Hund vergiftet, weil der ihn täglich nervt, ist das böse und muss bestraft werden. Auf andere hinzutreten ist böse, im Sport aber erlaubt, vor allem, wenn es nicht gesehen wird ... Wie scheinheilig ist das alles?

Töten, strafen und verletzen ja, aber nur da, wo man es subjektiv für gut erachtet! In diesem Prinzip unterscheiden sich die Kulturen nicht. Sie unterscheiden sich nur in der subjektiven Bewertung, was und wie verletzt, missbraucht, geopfert und getötet werden darf!



Solange wir glauben, dass es einen gerechten Kampf


gibt, werden wir keinen Frieden finden.



Solange die Mehrheit nicht erkennt, dass schon die kleinste Gewaltanwendung gegen sich und andere ein Samenkorn ist, das wächst und weitere Früchte der Gewalt erblühen lässt, sind alle Diskussionen gegen Gewalt in der Familie oder Gewalt im Allgemeinen nicht zielführend.


Die Samenkörner, die wir pflegen, werden zu großem Gestrüpp:

Wenn jemand nur ab und zu cholerisch ist, ist er ein aufbrausender Mensch. Schwamm drüber. Wir verharmlosen das.

Wenn jemand nur am Fußballplatz grölt und rauft, dann findet man das witzig oder "es gehört eben dazu!" Auch hier Verharmlosung und Hinnahme.

Wenn man vor Kindern raucht, Alkohol trinkt oder Drogen nimmt, auf andere schimpft oder flucht, dann ist das normal und menschlich. Man lässt sich in den eigenen vier Wänden nichts verbieten usw.

Und wenn man nur über den Chef oder die Familie schimpft, dann verstehen wir das. Man hat es halt nicht leicht. Der böse Chef und die böse Familie, die bösen KollegInnen. Man muss sich ja Luft machen.

Wenn nicht qualifizierte LehrerInnen unterrichten dürfen, lassen wir das zu. Ist ja nur Schule. Das geht vorbei. War bei uns nicht anders. Wir lassen zu, verharmlosen, bagatellisieren Gewalt.





Gewalt und Manipulation in der Kindheit


Warum akzeptieren und tolerieren wir bei Erwachsenen so viele lieblose, verletzende Verhaltensweisen?

Beinahe alle Kinder werden zu angepassten Wesen erzogen. Auch und besonders gewaltbereite und manipulative Menschen halten die unbeschwerte und natürliche Energie von Kindern nicht aus und brechen deren Willen. Kinder lernen dadurch, dass sie gehorchen müssen, dass sie falsch und ungeliebt sind. Sie lernen, sich zu arrangieren - jedes Kind auf seine Weise. Die einen reagieren mit körperlicher Krankheit, die anderen mit Gereiztheit und mentalen oder emotionalen Störungen.

Sind diese Störungen nicht auffällig, kümmert sich niemand darum, solange das Kind funktioniert und den Anforderungen halbwegs gerecht wird. Und nur dann, wenn Kinder den reibungslosen Ablauf der Erwachsenenwelt stören, werden sie "behandelt". So wie sie die Welt ihrer Eltern gestört haben, stören sie die Welt der Schule und des Arbeits- und Finanzmarktes, wenn sie sich nicht anpassen.

"Kluge" Kinder passen sich an und werden ebenfalls manipulativ und gewaltbereit. Sie lernen sich durchzusetzen und steigen munter auf den Schultern und Köpfen der anderen die Karriereleiter hoch.



Wir lassen die kleinen und im Endeffekt auch die


großen Gewalttätigkeiten zu, weil wir von Klein auf mit


Rechtfertigungen für Gewalt gefüttert wurden!



Wir gehen achtlos mit uns, mit anderen Menschen, mit Tieren und mit der Natur um.

Und jene, die das nicht mehr tun, werden als Spinner und Nörgler, als Esoteriker und Träumer abgetan.

Viele feinfühlige Menschen ziehen sich zurück, werden depressiv, fühlen sich hilflos und verloren in dieser Welt der kleinen und großen Gewalt. Sie fühlen sich falsch, während sie die eigentlichen Menschen sind, die sich noch nicht dem allgemeinen Gewaltklima angepasst haben.


Wenn ich jetzt sage, dass jene Personen, die keinen Respekt und Mitgefühl für sich und andere empfinden, krank sind, klingt das vielleicht provozierend, ist aber nicht neu. Personen, die sich oder andere schädigen, und sei es nur manchmal, brauchen Hilfe!


So lange wir Gewalt als normal bezeichnen und sie unseren Mitmenschen in unterschiedlichster Form zugestehen - werden Frauen und Kinder weiter missbraucht und geschlagen, werden ArbeitgeberInnen weiterhin Untergebene willkürlich behandeln oder misshandeln, werden KollegInnen weiter mobben, werden Eltern weiterhin um ihre Kinder Angst haben müssen, werden wir keinen Frieden haben.


Erst, wenn wir den kleinen Gewaltakten beikommen, die kleinen Verletzungen, die wir uns und anderen zufügen, nicht mehr zulassen, wird sich etwas zum Besseren wenden. Erst, wenn wir ernsthaft darum bemüht sind, uns selbst zu wahrer Menschlichkeit zu verhelfen und uns zu einer Heilung entschließen, kann die Gesellschaft gesund werden.



Denn auch das kleinste Bemühen in Richtung wahre


Menschlichkeit ist ein Samenkorn, das wächst und eines


Tages Früchte bringt!



Der Weg zum echten Frieden ist ein Weg zu einem Selbstverständnis als liebevoller, einfühlsamer, kreativer und verantwortungsbewusster Mensch.

Dieses Bemühen mag am Anfang auch wie ein Kampf wirken oder wie eine Abwehr gegen andere Menschen oder Situationen - aber dieses Bemühen ermöglicht eine Wandlung.

Wir können diesen Prozess der Heilung als mentales Training bezeichnen, in dessen Verlauf wir uns wieder an das kleine, freie, lebenslustige Kind in uns erinnern, an seine Wünsche und Bedürfnisse.


Es ist ein Prozess, in dem es darum geht, sich die unverfälschte, natürliche, lebendige Energie zurückzuerobern, die uns als Kind vorgeworfen und abtrainiert wurde. Die Versöhnung mit den Eltern oder anderen Personen, die uns wehgetan haben, kann erst danach einsetzen, wenn wir wieder in unserer natürlichen Energie sind. Wir können im Laufe des Prozesses ein gewisses Verständnis für die Probleme unserer Bezugspersonen erlangen, aber eine Versöhnung können wir nicht bewusst anstreben. Sie ist ein Geschenk, das einfach da ist, wenn wir unsere Würde, Selbstliebe und Selbstakzeptanz erreicht haben. Dann fallen Groll und Angst weg - und wir haben keinen emotionalen Grundlage mehr, jemanden etwas vorzuwerfen.


Dies ist eine Bitte an alle, sich dem eigenen


Friedensbewusstsein zu widmen!







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