• Brigitte Evans

Was lernen wir in und aus der Krise?



In dieser Zeit ist oft von der Angst die Rede. Menschen haben Angst vor der Krankheit, vor dem Tod, vor dem Alleinsein, vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, vor dem Verlust von Geld und Besitz, vor dem Zusammensein mit PartnerInnen und Kindern, vor dem Bewegungsmangel, vor dem Verlust der Freiheit und Bürgerrechte …

Diese Krise zeigt, dass wir alle sehr, sehr viele Ängste haben, die wir im "normalen" Alltag gut vor uns selbst und den anderen verstecken.

In dieser Krise sollen wir Masken tragen. Doch eigentlich zeigen wir uns in diesen Tagen maskenloser als zuvor.

Wir schaffen es, von zu Hause aus in bequemer Kleidung zu arbeiten, anstatt uns normgemäß und pflichtbewusst einem unbequemen Business-Dress-Code unterzuordnen. Wir halten es aus, nicht alle paar Tage unseren Look zu verändern, zum Friseur, zur Maniküre, zur Kosmetikerin zu gehen, und uns den neuesten Modetrends zu unterwerfen. Fakt ist: Die neue Frühlingsmode ist die größte Nebensache überhaupt.

Zuhause leben wir in sicherem Abstand von den Normen der Außenwelt.

Wir brauchen das. Den Rückzug aus den Normen. Und doch sind es gerade strikte Regeln mit Strafandrohung, die uns in unsere Häuser und Wohnungen bannen. Können wir überhaupt noch ohne diese Anordnungen leben? Können wir uns ein Leben in Freiheit überhaupt noch vorstellen? Geht überhaupt noch etwas ohne Deadline und Terminkalender? Machen wir überhaupt noch etwas, ohne dass wir uns dazu genötigt und gezwungen fühlen? Zwanglos? Einfach so? Aus Lust an der Freude?

Warum verbringen wir so gern unseren Urlaub in Ländern, in denen es scheinbar noch anders läuft? Freier, fröhlicher, festlicher, friedlicher, locker und ungezwungen. Wann warst du das letzte Mal wirklich un-gezwungen, also frei?

Warum sind wir schon so daran gewöhnt, immer Normen und Pflichten zu erfüllen, dass wir es gar nicht mehr merken, dass wir Tag für Tag in einem Hamsterrad laufen? Einen Weg gehen, den das Kind in uns nie gehen würde, wenn man es nicht mit Strafandrohung und Liebesentzug zwingen würde?

Wie aber manövrieren sich Menschen in Zwänge? Und vor allem, wie kommen sie wieder heraus?

Die Länder, die wir gern bereisen, weil es so ungezwungen zugeht, sind wahrscheinlich nicht so reich wie Österreich und Deutschland. Unser Reichtum basiert auf gnadenloser Selbstausbeutung und Ausbeutung anderer seit vielen Jahrhunderten.

Wir haben die Selbstausbeutung und Ausbeutung anderer zur Norm erhoben.

Wie geht das? Indem man eng wird. Sich einen Panzer zulegt, die wahren Bedürfnisse sofort in den Keller des Unbewussten schiebt, wenn sie auftauchen.

Indem wir alles abwehren, was uns daran erinnern könnte, dass wir auch eine ungezwungene, freie Seele haben, die sich nach Entspannung, innerer Ruhe, Selbstbestimmung und kreativem Freiraum sehnt, und nach außen projizieren, um uns noch mehr davon zu distanzieren.


Wir alle sind innerlich zu Soldaten mutiert, folgsam den Anordnungen der Wirtschaft, wissenschaftlichen Experten und dem freien Markt ergeben. Auch wenn einige jetzt wegen der Anordnungen murren und aufbegehren. So ist das ein schwaches Aufbegehren. Denn eigentlich geht es doch nur darum, auf welcher Seite man steht. Auch jene, die jetzt aufbegehren, würden mit ähnlichen Mitteln ihre eigenen Überzeugungen vertreten und entsprechende Anordnungen treffen!


Seele und Herz bedingen einander


Wir haben unsere Angst an die oberste Stelle gesetzt und nicht die freie Entwicklung unserer Seele. Mit der Seele baumeln? Was ist das? Wir können nur mit der Seele baumeln, wenn wir ein sanftes, fühlendes Herz haben. Alles andere würde ich als ein Strampeln der Seele bezeichnen.


Auch jene, die jetzt den Ton angeben und uns sagen, was wir zu tun haben, strampeln mit der Seele. Man wird weder PolitikerIn, noch PolizistIn, noch SoldatIn, noch ExpertIn, ohne eine gewisse Härte sich selbst gegenüber. (Und damit auch anderen gegenüber). Man wird auch kein/e große/r PianistIn und kein/e berühmte/r MalerIn, TänzerIn oder SpitzensportlerIn ohne Härte sich selbst und anderen gegenüber.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir Höchstleistungen anstreben, die wir durch Härte erreichen. Disziplin nennen wir das. Doch es gibt Grenzen der Disziplin - und die überschreiten wir ständig und haben das zum Lebenskonzept erklärt. Doch das ist ein Lebenskorsett, das uns den Atem nimmt.

Diese Krise ist eine Möglichkeit, uns mit uns selbst und unseren Grenzen zu konfrontieren, alle Korsette, die uns die Luft nehmen zu analysieren und den Druck, den wir uns selbst und anderen machen, aus dem Leben herausnehmen.


"Lebst du schon oder funktionierst du noch?" schreit uns die freie Seele zu - oder der Rest, der noch von ihr übrig ist.

Rebellion und Anpassung - zwei Seiten einer Medaille


Jede Rebellion ist nichts anderes als ein Streit von Überzeugungen. Wir lassen es so lange zu, dass man uns unterdrückt (dass wir uns selbst unterdrücken, in dem wir uns unseren eigenen innen Überzeugungen unterwerfen), bis das Fass überläuft. Dann schießen wir los. Natürlich auf die anderen - verbal und/oder mit Sanktionen jedweder Art.

Die Rebellion beginnt. Wir schreien den anderen unsere Überzeugungen entgegen und erwarten, dass wir gehört werden. Ein Kampf beginnt. Wie viele Kriege haben so begonnen? Und nach der Rebellion? Wie schnell entsteht eine neue Diktatur der Überzeugungen!


Bei jeder Art von Rebellion, glauben wir, dass wir uns von Fremdbestimmung befreien wollen. In Wahrheit will die Seele sich von den eigenen fixen Vorstellungen befreien. Diese fixen Vorstellungen entstehen, wenn wir unser Herz verschließen.

Wir verschließen unser Ruhebedürfnis und unsere Weichheit, unsere Sanftheit und unsere ungezwungene kindliche Freude hinter einer Fassade aus Normen und Pflichterfüllung - und wir ersticken daran.

Wir ersticken nicht an einem Virus oder an der schlechten Luft - die sind lediglich selbstverursachte nach außen projizierte Auslöser.

Wir ersticken an unserer eigenen Härte uns selbst und anderen gegenüber, an den harten Urteilen, die wir fällen - an den Verurteilungen.


Wir sind so hart geworden, dass wir bereit sind, andere Menschen zu verraten, die sich ungezwungen im Freien aufhalten. Und das passiert nicht nur jetzt. Wie oft werden Jugendliche und Kinder vertrieben, weil sie die "Erwachsenen" stören? Wie oft werden unangepasste Außenseiter vertrieben und angezeigt, weil sie die "Braven" stören?

Wir dürfen nicht vergessen, dass alles zwei Seiten hat - und dass wir das, was wir abwehren, immer wieder "serviert" bekommen.

Wahre Liebe als Lernziel in der Krise ?


Eine Lösung für unser Dilemma, in dem wir uns befinden, könnte sein,

dass jede einzelne Person weich und mitfühlend wird,

aus ihrem Herzen heraus lebt, sich der Liebe hingibt,

der wahren Liebe zu sich selbst und zu anderen,

und sich der Angst bewusst wird, die sie vor diesem Schritt abhält.


Härte erzeugt Enge. Enge erzeugt Angst. Angst erzeugt Härte …

ein ewiger Kreislauf, der mit dem Tod endet.


Wir töten uns und einander in Raten. Unsere Härte führt uns zu lebensvernichtenden Gewohnheiten und selbstzerstörerischem Verhalten.

Lebensbejahende und lebensstärkende (= gesundheitsfördernde) Maßnahmen:

Die Arme zu öffnen und das Leben, die Freude, die Liebe, die anderen Menschen aufzunehmen, ohne sie zu verurteilen oder von oben herab zu betrachten, ohne zu kritisieren, ohne sie zu verraten.

Denn jeder Verrat, den wir an anderen begehen - fällt letztlich auf uns zurück. Wir werden zu Verrätern an anderen, weil wir schon längst uns selbst verraten haben.

Wir bürden anderen Strafen auf, weil wir selbst die strengsten und härtesten Richter uns selbst gegenüber sind.

Wir opfern uns auf im Namen der Nächstenliebe in einer Scheinhilfsbereitschaft - weil wir es nicht wagen, unseren eigenen Bedürfnissen adäquat zu begegnen. Erkennbar wird das an dem wachsenden inneren Groll, am Suchtverhalten und offenen oder versteckten Forderungen an andere.

Denn wer möchte wirklich jeden Tag für andere da sein? Wir haben die Nächstenliebe zum Beruf erkoren und sind froh, dass einige (denen wir noch ein Helfersyndrom bescheinigen), diese Arbeit für uns erledigen.

Wie wäre es, wenn jeder Mensch auf sich selbst acht gibt, liebevoll und fürsorglich mit sich und anderen umginge? Wie viel weniger Menschen müssten im Gesundheitssektor arbeiten? Wie viel weniger kranke Menschen gäbe es?

Werden wir ehrlich zu uns selbst und weich, sanft, mitfühlend, einfühlsam, liebevoll, echt. Sorgen wir für uns. Sorgen wir für unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele. Dann brauchen wir uns viel weniger Gedanken um die anderen zu machen.

Hören wir einander zu, bevor wir den anderen unsere eigene Überzeugung ins Gesicht schleudern. Versuchen wir jetzt, da die meisten mehr Ruhe und weniger Ablenkungsmöglichkeiten als sonst haben, uns selbst wahrzunehmen.

Erinnern wir uns an die Bedürfnisse, die wir als Kinder hatten. Nehmen wir wahr, dass wir uns bis jetzt vor allem darauf beschränkt haben, unseren Verletzungen auszuweichen, indem wir unsere Wunden mit dicken Pflastern zugeklebt haben. Diese Trostpflaster sind so mannigfaltig, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass es Trostpflaster für vergangene Verletzungen sind. Wir glauben, dass unser Streben nach einem besseren Job, nach der Traumfigur usw. unserem freien Willen entspricht und merken nicht, dass es letztendlich nur Trostpflaster sind, weil wir als Kind nicht die Liebe, Herzlichkeit und Weichheit ausdrücken durften, die wir fühlten.

Machen wir es jetzt. Lassen wir zu, dass unsere Wunden heilen - nicht, indem wir sie zupflastern (und uns selbst mit Arbeit, Sport, Leistung, Besitz … zupflastern), sondern, indem wir weich, sanft und damit frei von Abhängigkeiten werden.

Die Krankheit, die wir alle haben, heißt Härte und Angst.

Die Medizin dagegen heißt Liebe, Mitgefühl und Verständnis.

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